Tàijíquán lernen

Wer kann Tàijíquán lernen?

Das charakteristische Merkmal des Tàijíquán sind seine langsamen, runden und fließenden Bewegungen. Deshalb ist im Unterschied zu anderen chinesischen Bewegungs- und Selbstverteidigungssystemen das Studium des Tàijíquán für alle Menschen geeignet. Bestimmte physische Voraussetzungen sind nicht erforderlich, man braucht nicht „sportlich“ zu sein, auch braucht man keine bestimmte Ausrüstung. Man braucht nur Interesse, Zeit und Geduld.

Tàijíquán lernen, aber wie?

Eine sehr häufig von Anfängern gestellte Frage ist die nach einem empfehlenswerten Buch über Tàijíquán. Man möchte sich informieren, möchte wissen, was Tàijíquán ist, wie man es lernt, und greift zum Buch. Das ist Lernen im üblichen Sinne.

Das Lernen von Tàijíquán verläuft nach anderen Gesetzmäßigkeiten. Denn die Sprache des Tàijíquán ist nicht die Sprache des Wortes, sondern die des Körpers. Die Erfahrungen, die wir beim Tàijíquán mit uns machen, sind häufig nur unvollkommen in Worte zu fassen. Werden sie in Worte gefasst, sind diese nur von demjenigen zu verstehen, der dieses Stadium schon durchlaufen hat. Andere werden dieselben Worte nur als leere Hülsen über den Verstand aufnehmen können und vergeblich versuchen, den Inhalt zu verstehen.

Der Kopf ist häufig der entscheidende Störfaktor im Lern- und Übungsprozess des Tàijíquán. Natürlich sind bestimmte Informationen erforderlich, um z. B. eine Grundbewegung erlernen und üben zu können. Deshalb steht zu Beginn die mündliche Unterweisung durch den Lehrer. Daran muss sich ein intensiver Übungsprozess des Lernenden anschließen. Es geht um nicht mehr oder weniger als Worte in Körpererfahrung umzusetzen, und hier braucht man sie: Interesse, Zeit und Geduld. So gestalten sich Lehren und Lernen als ein gegenseitiges Verhältnis, das gut aufeinander abgestimmt sein muss. Ein Zuviel an Information führt dazu, dass sie nicht mehr umgesetzt werden kann. Die Bewegung wird in diesem Fall durch den Kopf gestört und nicht mehr angeleitet. Das Ziel ist die Verschmelzung von Körper und Geist zu einer immer wieder neuen Einheit, die im weiteren Verlauf schrittweise Vertiefung und Verfeinerung erfährt. Diese Stufen sind nur noch schwer in Worte zu fassen. Das ist auch gut so. Denn wer dort angekommen ist, besitzt die Erkenntnis und für den, der (noch) nicht dort angekommen ist, wären Worte wiederum nur leere Hülsen.

Natürlich gibt es viele Bücher über Tàijíquán. Der Griff zum Buch kann auf der Grundlage eigener Erfahrungen durchaus lohnend sein. Doch je länger die eigene Praxis andauert, desto mehr vergeht das Interesse an bloßem Buchwissen: Die eigentliche Wahrheit des Tàijíquán liegt in der eigenen praktischen Erfahrung und der daraus resultierenden Erkenntnis. Es ist müßig, das Geheimnis des Tàijíquán in Worte fassen zu wollen. Tàijíquán spricht seine eigene „Sprache“. Wer sie lernen will, muss Tàijíquán üben.

Auch zu diesem Thema äußert sich die klassische Schrift „Lied der 13 Grundformen“ 十三势歌 eindeutig:

Die Anfangsgründe beibringen und den Weg zeigen,
erfolgt durch mündliche Unterweisung.
Dein Können erwirbst du durch beständiges eigenes Üben.

入门引路须口授功夫无息法自修

Natürlich ist es unerlässlich, dass während des Übungsverlaufes in regelmäßigen Abständen jemand einen Blick darauf hat, ob die Richtung stimmt. Nur dann ist ein erfolgreiches Üben gesichert. Abweichungen vom rechten Weg führen zu Umwegen und schmerzhaften Erfahrungen. Auch daraus können allerdings manchmal heilsame Erkenntnisse erwachsen.