Vortrag bei der Messe „Bewusst leben“ in der Kieler Ostseehalle

05.04.1997, Gudrun Gerbstedt

Liebe Interessenten und Freunde des Tàijíquán!

In den folgenden 60 Minuten wird es um Tàijíquán gehen. Und damit Sie wissen, was auf Sie zukommt, unser Programm vorweg: Wir haben drei kleine Vorführungen vorbereitet, und dazwischen gibt es Interessantes über Tàijíquán.

Als wir die Veranstaltung planten, haben wir uns gefragt, kann man einem Publikum eine fünfminütige Tàijíquán Vorführung zumuten? Wir haben mit „ja“ entschieden. So beginnen wir jetzt mit einer Form im Yáng-Stil, die unser Lehrer Wáng Zhìzhōng 王志忠 zusammengestellt hat. Machen Sie es sich auf Ihren Stühlen bequem, lassen Sie Ihren Atem nach unten sinken und vertiefen Sie sich fünf Minuten. Wem es schwer fällt etwas in Ruhe anzusehen, der hat jetzt noch die Möglichkeit sich zu verabschieden.

Tàijíquán: aus der „32er Form nach links und rechts“
Tàijíquán: aus der „32er Form nach links und rechts“

Haben Sie einen Eindruck bekommen? Vielleicht ist es nur ein Gefühl, eine Ahnung. Hat Sie die eigentümliche Anziehungskraft des Tàijíquán auch in den Bann gezogen? Sie beruht wohl darauf, dass der Betrachter auch nach längeren Beobachtungen den wahren Gehalt nicht erkennen kann. Die wesentlichen Elemente des Tàijíquán bleiben verborgen und öffnen sich nur demjenigen, der den Sprung in die Praxis wagt. So erklärt sich vielleicht auch die große Bedeutung, die die chinesische Tradition der mündlichen Unterweisung durch den Lehrer beimisst.

Ich möchte uns kurz vorstellen. Unsere Gruppe übt seit nunmehr sechs Jahren zusammen, und in diesem Jahr haben wir uns im Wǔshù Verein Kiel e. V. zusammengeschlossen. Ein Manuskript unseres Lehrers Wáng Zhìzhōng ist Grundlage dieses Vortrags, und ich habe mich nur bemüht, seine geballten Informationen in eine leichtere Form zu gießen, damit Sie beim Zuhören gelassen bleiben können.

Wortbedeutung

Tàijíquán 太极拳 ist aus einem anderen Kulturkreis zu uns gekommen, und vieles, was in China für jedermann geläufig ist, scheint hier fremd und ist vielleicht deshalb häufig mit einem Hauch des Geheimnisvollen umgeben. Insgesamt ist dies der Verbreitung des Tàijíquán nicht förderlich. Dass es häufig mit einem esoterischen Überbau belastet ist, liegt sicher auch an der Schwierigkeit der Übertragung in eine andere Kultur.

Die wichtigen Begriffe entstammen der traditionellen chinesischen Philosophie und Medizin. Nehmen wir den Begriff „Tàijíquán“. Hier sagt man „Taitschi“. Häufig wird unterstellt, dass der chinesische Begriff qì (Atem; inneres Qì inner- und außerhalb der Leitbahnen) darin verborgen sei. Zwar geht es beim Üben wirklich auch darum, das Qì zu stärken. Aber begrifflich haben die Wörter nichts miteinander zu tun.

Tàijí 太极 ist ein Begriff der traditionellen chinesischen Philosophie. Man stellte sich die Entstehung des Kosmos so vor, dass am Anfang ein Nichts (wújí 无极) war. Aus dem Nichts entstand das Etwas (yǒují 有极), und aus dem Etwas wiederum ging das tàijí 太极 hervor, das in sich die beiden Pole Yīn und Yáng trägt: Himmel und Erde, Ruhe und Bewegung, hart und weich, leer und voll. Quán bedeutet Faust und weist auf einen der beiden konstituierenden Bestandteile des Tàijíquán hin, den Faustkampf.

Was ist Tàijíquán?

Seit nunmehr 12 Jahren lerne, übe und lebe ich Tàijíquán. Ich mache es. Aber was ist es? In China braucht man keine Definition, jeder kennt es. Und bei uns?

Tàijíquán ist eine Art des chinesischen Wǔshù 武术 (Kampfkunst). Es gehört zum sog. Inneren Stil. Die runden, weichen Bewegungen, das langsame Tempo verbergen, dass Tàijíquán nicht nur die Gesundheit festigt, sondern auch zur Abwehr eines Angriffs geeignet ist.

Tàijíquán ist ein ganzheitliches System, das über Bewegung, Atmung und Lenkung der Aufmerksamkeit (Bewusstsein) wirkt. Die Bewegungen nutzen den Wechsel von Yīn und Yáng, die ununterbrochene Folge von Ruhe und Bewegung. Die Arme beugen und strecken, öffnen und schließen, heben und senken. Die Füße wechseln zwischen mit und ohne Gewicht.

Der Atem sinkt in den Unterbauch - zumindest nach einiger Zeit des Übens. Die Vorstellung lenkt die Bewegung. Die Aufmerksamkeit geht mit der Bewegung in den Körper, der Geist wird ruhig und entspannt.

Die traditionellen Schriften vergleichen Tàijíquán mit dem Langen Fluss, Chángjiāng 长江. Er spendet den Gebieten, durch die er fließt, Wasser. Wie der Chángjiāng segensreiches Wasser spendet, so bewegt Tàijíquán Blut und Qì durch unseren Körper, nährt die Organe, stärkt den Kreislauf der Körperflüssigkeiten, verbessert die örtliche Versorgung, vertieft den Stoffwechsel. Der Körper kann locker werden, der Kopf kann leer werden, der Blick kann klar werden. Eine neue Ganzheit entsteht. Wer dies erreicht hat, kann sich auf den zweiten Aspekt des Tàijíquán einlassen: Die Abwehr von Angriffen. Alle Bewegungen sind anwendbar und haben im Kontakt mit dem Gegner eine praktische Bedeutung.

Lebensphilosophie

Tàijíquán ist ein Weg der ganzheitlichen Körper-Geist-Übung und eine Lebensphilosophie. Tàijíquán entstammt der dàoistischen Tradition. Der legendäre Lǎozǐ, der das Hauptwerk dieser Schule, das Dàodéjīng 道德经, verfasst haben soll, ist uns ein Begriff und auch seine Gedanken von der Harmonie des Menschen mit der Natur. Tàijíquán ist ein Weg dies zu erreichen: tiān rén hé yī 天人合一 Himmel und Mensch werden eins.

Wir neigen dazu uns in den Mittelpunkt zu stellen. Wir organisieren, wir planen, wir lenken. Wenn alles klappt und keine Probleme auftauchen, sind wir sorglos und zufrieden. Wenn jedoch Unvorhergesehenes passiert und unsere Pläne durchkreuzt, reagieren wir bedrückt, ärgerlich oder enttäuscht. Ein Wechselspiel von Gefühlsschwankungen ist zur alltäglichen Realität geworden. Das sind nach chinesischer Theorie die sog. sieben Gefühlsbewegungen qīqíng 七情, die uns immer wieder aus dem Gleichgewicht bringen. Mal ist es Freude, mal Ärger, mal plagen uns Traurigkeit und Kummer, mal überkommen uns Angst und Schrecken. Die Auswirkungen sind in den Schriften der chinesischen Medizin beschrieben. Über große Freude heißt es, dass sie zu einem Überfluss an Yáng führt und große Trauer zu einem Überfluss an Yīn. Die Unausgewogenheit von Yīn und Yáng schafft die Voraussetzung für das Entstehen von Krankheit.

Von Lǎozǐ 老子 ist der Satz überliefert: „Mein Schicksal liegt in meinen Händen, nicht in denen des Himmels.“ Von Sūn Sīmiǎo 孙思邈, dem berühmten Arzt der Tang Dynastie, ist überliefert: „Ein langes Leben oder ein früher Tod, das ist nicht mein Schicksal, sondern es liegt ganz in meinen Händen mich zu üben.“

Lǎozǐ und Sūn Sīmiǎo klagten nicht über ihre persönlichen Probleme, haderten nicht mit den Widersprüchen ihrer Umwelt. Sie sahen sich als Teile, die sich in den Weltenlauf einfügen. Da schließt sich der Kreis zum Tàijíquán: Im Laufe des Übungsprozesses gelingt es mit zunehmendem Können immer besser, das eigensinnige, egoistische ICH abzuschütteln und dem natürlichen Lauf der Dinge zu folgen. Das winzige ICH geht in dem grenzenlosen Kosmos auf, einem Kosmos, der Himmel und Erde, Yīn und Yáng, gut und schlecht umfasst, und kann sich immer mehr einem Zustand des Gleichgewichts annähern.

Lernen

Ich weiß noch, wie ich im April 1985, vor fast genau 12 Jahren, zum ersten Mal zu dem Übungsplatz radelte, wo sich die Schüler von Wáng lǎoshī täglich trafen, und ich erinnere mich an das Bild, das sich mir bot: Viele Schüler, die alle, jeder für sich, übten. Die Bewegungen gingen ihnen natürlich von der Hand. Das sah einfach aus. Ich war mir sicher, das bekomme ich schnell hin. Doch als ich anfing, kam die große Ernüchterung. Irgendwie schienen diese chinesischen Studenten andere Knochen zu haben, viel runder und irgendwie biegsamer, wie konnte denn sonst ein gerader Unterarmknochen rund aussehen? Und überhaupt, kaum war ich einmal in einer Haltung richtig hingestellt worden, da ging es beim nächsten Versuch schon wieder daneben. Wie bekommen die ihren Arm immer in die richtige Stellung? Ich übte gerade die Grundbewegung „Die Mähne des wilden Pferdes teilen“. Ich fand die richtige Stellung einfach nicht wieder. Es machte mich verrückt. Ich übte immer dieselbe Grundbewegung, bis ich langsam merkte, dass es eigentlich gar nicht der Arm war, der nicht richtig wollte, es war die Schulter oder besser der ganze Körper. Auch die Beine wurden immer wackliger, und die Knie fingen an zu schmerzen. Meine anfängliche Hochstimmung wich bald der nüchternen Erkenntnis: Wer sich auf Tàijíquán einlässt, wird völlig umgekrempelt - tuō tāi huàn gǔ 脱胎换骨 - die alten Knochen ablegen und ein völlig neuer Mensch werden.

Nach einigen Wochen kamen neue Grundbewegungen hinzu: „Übers Knie streifen“, „Den Affen vertreiben“, „Den Vogel am Schwanz halten“, „Die schöne Weberin“. Langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen. Wie lange sollte das eigentlich noch dauern? Trotz täglichen vielstündigen Übens - fünf Stunden am Nachmittag war Normalität, dazu früh morgens und manchmal nachts - ging es nur langsam voran. Man sagte mir, nach 1000maligem Üben würde ich etwas verstehen, nach drei Jahren stelle sich ein kleiner und nach zehn Jahren ein großer Erfolg ein. Langsam fing ich an zu begreifen, dass ich Tàijíquán nicht einfach in drei Monaten abhaken konnte. Vielleicht gerade wegen dieser niederschmetternden Erkenntnis wurde jeder Tag von Neuem aufregend. Ich begann meinen Körper kennenzulernen, Stück für Stück wurde mir bewusst, und alles schien wie von innen gereinigt zu werden. Der erste Winter kam. Natürlich übten wir immer draußen, bei Minusgraden und bei Schnee. Im Frühjahr kamen dann die Sandstürme. Wie zur Belohnung für die Beharrlichkeit gab es immer wieder neue Erfahrungen, z. B. das phantastische Gefühl die Kälte zu überwinden, wie aus Eiseskälte plötzlich Wärme entsteht. Das sind meine Erfahrungen. Ähnliche Erfahrungen wird jeder machen, der sich auf Tàijíquán einlässt.

Was ist wichtig beim Lernen? Wichtig ist nicht, viele Bewegungen zu lernen. Wichtig ist nicht, eine Form zu lernen. Wichtig sind die Prinzipien zur Körperhaltung und Bewegungsausführung. Jede einzelne Grundbewegung ist ein Tàijí, die Vereinigung der Gegensätze Yīn und Yáng, und ausreichend die wesentlichen Prinzipien zu erkennen und zu verinnerlichen: shǎo zé dé duō zé huò 少则得多则惑 - wenig trägt Früchte, viel führt zu Verwirrung - eine Lieblingsweisheit von Wáng lǎoshī.

Hier angekommen wird es schwierig, weiter nur noch theoretisch folgen zu wollen. Körpererfahrung ist nicht beliebig für andere in Worte zu fassen. Sie eröffnet sich nur dem Übenden, und das auch zumeist erst nach Jahren.

Zum Abschluss zeigen wir eine Vorführung mit dem Tàijí-Säbel und dann sind wir für Ihre Fragen und Wünsche aufgeschlossen.

„Den Säbel übergeben und den Mond im Arm halten“
Tàijí-Säbel: „Yīn-Yáng Fisch“